Weihnachtsgruss 1999

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Weihnachten gilt als das Fest des Lichts, der Freude und des Schenkens. Dieses Fest zieht alle in den Bann, jung und alt, aber auch Hartgesottene. Im Jahresverlauf gab es bestimmt für Jeden lichtvolle Momente und Momente der Dunkelheit. Nun ist aber alles auf Weihnachten ausgerichtet.
Die Stimmung der Menschen wird geprägt von der immerwährenden Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit. Das Licht überstrahlt die Dunkelheit, überdeckt vielleicht auch manche Not, manches Leid, das sich oft hinter den leuchtenden Fassaden verbirgt.
Unsere Welt ist kompliziert. Und sie wird allem Anschein nach von Tag zu Tag noch komplizierter. Unsere Mitmenschen geben uns auch immer mehr Rätsel auf - wie wahrscheinlich wir auch ihnen. Missverständnisse und Konflikte zwischen einzelnen Menschen und zwischen Gruppen scheinen ständig zuzunehmen.
Wir erleben, dass das Bemühen um gegenseitiges Verständnis abnimmt, dafür die Gleichgültigkeit gegenüber dem Mitmenschen und die oberflächliche Kommunikation mit rein emotionalen Stellungnahmen zunehmen, ebenso wie die Bereitschaft auf den anderen mit Worten - oder auch mit dem Knüppel - einzudreschen. Die Fähigkeit zum Miteinander, das Streben nach Konsens, wird deutlich geringer.
Offensichtlich ist unser Wille zum Verstehen zu gering. Der demokratische Staat kann wesentliche Voraussetzungen, von denen er lebt, nicht selbst schaffen. Zu ihm gehört ein Grundbestand an gemeinsamen Überzeugungen und Verhaltensweisen. Der Staat ist mehr als eine Dienstleistungszentrale, die Ansprüche zu erfüllen, Besitzstände abzusichern und für Ruhe und Ordnung zu sorgen hat. Er ist nicht der Garant unserer Sättigung und der Adressat unserer Unersättlichkeit. Wir machen keinen guten Staat, sondern wir zerrütten ihn, wenn jeder versucht, mehr mitzunehmen als er einbringt.
Der Staat, das sind wir selber. Das sind die Familien, die Lehrer und die Ausbilder, die wie wir alle, nicht darum herumkommen, die Jugend zu erziehen: Aber was heißt erziehen? Erziehung ist mehr als politische Bildung. Erziehung ist, wie Pestalozzi sagt, Vorbild und Liebe.
Junge Leute suchen nach Befreiung von unzumutbaren Abhängigkeiten, aber sie suchen auch nach menschlichen Bindungen, in denen sie Vertrauen gewinnen können. Helfen wir ihnen zu dieser Bindung.
Lassen wir nicht zu, dass von einer jungen verlorenen Generation gesprochen werden könnte, die in der Welt, in die sie hineinwächst, keine Bindungen gefunden hat und dagegen aufbegehrt oder aus ihr flüchtet.
Der Staat, das sind auch Medien mit ihren Interessen und Einflüssen, das sind Gruppen und Verbände, die Mitgliedern nur dann verantwortlich nützen, wenn sie das uns alles Verbindende und Verpflichtende nicht in Gegensatz zu ihren Vorteilen bringen. Das sind die geistigen Köpfe und die religiösen Gemeinschaften, deren Beiträge zur Ethik unserer Gesellschaft ganz unverzichtbar, aber oft recht leise sind.
Wenn Politiker von innen oder außen kritisiert werden, so gehört das zu unserer Demokratie. Aber eine Entlastung für die übrige Gesellschaft ist dies nicht. Der demokratische Staat ist auf die Mitarbeit seiner Bürger angewiesen.
Wenn wir alle mitmachen, können die politischen Amtsträger ihre Pflichten erfüllen. Dann stärken wir unsere demokratische Ordnung, um die Interessen in Einklang bringen und jeder Gewalt widerstehen zu können. Dann gleitet uns die Freiheit, diese kostbare Gut, nicht aus den Händen, sondern sie erfährt ihre Sicherung in übernommener Verantwortung.
Die Einheit unseres Staates haben wir erreicht. Doch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und die gegenwärtigen Sorgen trennen uns häufig noch. Dabei sind wir nicht aufgeteilt in Gute auf der einen und Schlechte auf der anderen Seite. Jeder kann vom Leben des anderen wirklich lernen und dadurch die innere Nähe wachsen lassen, die wir brauchen.
Die Freiheit, von der der demokratische Staat lebt, ist nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden. Sie ist Freiheit zur Mitverantwortung, jenes Bündel von Rechten des einzelnen und von seinen Pflichten für das Gemeinwesen, von denen unser Grundgesetz leider kaum etwas sagt.
Für den Sozialstaat sind Geld und Bürokratien erforderlich, zur Mitmenschlichkeit kann jeder beitragen. Ein Nachbar darf nicht sein Ansehen verlieren, wenn er arbeitslos wird. Kinder müssen mehr zählen als materielle Werte. Niemand darf ausgegrenzt werden, weil er krank oder behindert ist. Notwendig ist deshalb eine Offensive der gelebten Nachbarschaft, der Freundlichkeit und der täglichen Hilfe.
Sie wird praktiziert von den „stillen Helden der Gesellschaft“, wie sie der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog bezeichnet hat. Dazu gehören neben vielen anderen: die Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte, die immer wieder persönliche Worte für ihre Patienten finden, die Mütter und Väter, die ihre eigenen Bedürfnisse hinter die ihrer Kinder zurücktreten lassen, die ehrenamtlichen Mitarbeiter von Kirchen, Vereinen und Initiativgruppen, die sich für die Belange anderer einsetzen, die Unternehmer, die trotz schwieriger Lage Ausbildungsplätze schaffen oder auf Entlassungen verzichten.
Wer über diese Beispiele und andere, die wir aus der Normalität unseres Alltags bestens kennen, nachdenkt, erkennt sogleich, dass das Glück eines Gemeinwesens aus der Qualität der Bürgertugenden erwächst, die in ihm herrschen.

Meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger,

das Jahr 1999 geht langsam dem Ende zu. Es war wieder ein arbeitsreiches Jahr. Manches gelang, manches blieb unerledigt. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der sich die Natur im winterlichen Frieden befindet. Wir sollten diese Zeit nutzen, zum Nachdenken, zur Ruhe, Entspannung, Erholung und zur Besinnung.
Die Menschen schätzen das Fest der Geburt Christi mehr als jedes andere. Es will uns mit Zuversicht erfüllen, neue Hoffnung für das 21. Jahrhundert geben und Mut zum Neubeginn verleihen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie den weihnachtlichen Frieden wirklich spüren.
Das friedvolle Zusammenleben der Bürger ist mein wichtigstes Anliegen. In unserer Gemeinschaft sollte es nur ein Miteinander geben, kein Gegeneinander! Möge zu Weihnachten in alle Häuser der Friede einziehen, möge dieser Friede Versöhnung und Verständigung bringen, zwischen alt und jung, zwischen den Nachbarn, zwischen unseren Neubürgern, Aussiedlern und Asylbewerbern, unseren amerikanischen Freunden und Familien, unter allen Menschen.
Allen, die in welcher Funktion auch immer zum Wohle unserer Stadt beigetragen haben, danke ich sehr herzlich. Ich zähle auf ihre aktive Unterstützung auch im kommenden Jahr.
Ich wünsche zum Weihnachtsfest und zum neuen Jahr allen meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern Gesundheit, den Kranken Genesung und Linderung. Ich wünsche allen Zufriedenheit, Hoffnung und ein echtes Miteinander! Allen ein herzliches „Glück auf“ für das Jahr 2000.

Ihr
Helmuth Wächter
1. Bürgermeister

 


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